Editorial – Tage des indigenen Films 2020

Wir hoffen, dass die 8. Tage des indigenen Films wie gewohnt im November im Lichtspieltheater Wundervoll li.wu. in der Friedrichstraße 23 stattfinden können. Das diesjährige Film- und Workshop-Programm wird selbstverständlich entsprechend der dann erforderlichen Hygienemaßgaben umgesetzt. Falls die Durchführung im Kino nicht möglich ist, wird das Festival in diesem Jahr online stattfinden.

Indigene Gesellschaften werden weltweit innerhalb ihrer spezifischen regionalen und politischen Kontexte marginalisiert. Ihre Kulturen nehmen auf vielfältige Weise Bezug zur leidvollen Geschichte des Kolonialismus und zu dessen fortdauernden Auswirkungen. Die Aushandlung indigener kultureller Identität ist davon geprägt, sich einerseits gegenüber der hegemonialen Kultur und Lebensart zu behaupten und andererseits diese auch selbstbestimmt anzunehmen – also autonom die eigenen Lebensumstände zu gestalten. 

In der medialen Darstellung indigener Menschen werden Stereotype und Klischees  “reproduziert; in Film und Fernsehen haben Indigene selten eine eigene Stimme. 

Die Tagen des indigenen Films wollen Interesse für die Kultur und soziale Situation indigener Gesellschaften wecken und bringen indigene Perspektiven auf die Leinwand. Die Beschäftigung mit indigenen Kulturen kann zu mehr gegenseitigem Verständnis beitragen, was ein konstruktives Miteinander auf Augenhöhe überhaupt erst ermöglicht. 

 

In diesem Jahr beschäftigen wir uns mit dem Thema «Landrechte».  

Eine Vielzahl von indigenen Gesellschaften steht mit nationalstaatlichen und wirtschaftlichen Akteuren im Konflikt um die Nutzung des von ihnen bewohnten Landes. Sie fordern über das ihnen verbliebene Land und seiner natürlichen Ressourcen selbst verfügen zu können oder ihren Lebensraum selbstbestimmt zu wählen. Wird in die indigenen Gebiete eingedrungen und Raubbau an den Bodenschätzen begangen, hat dies oft fatale Folgen für die indigenen Gesellschaften. Immer wieder kommt zu Morden an Indigenen durch Goldsucher und Waldarbeiter — beispielsweise im Sommer 2019 an Emyra, einem führenden Mitglied der im Nordosten des Amazonas ansässigen Waiãpi, der den Kampf um Schutz des indigenen Territoriums anführte.

Von Goldschürfern eingeschleppte Krankheiten wie Masern, Grippe und Malaria töteten während des Goldrauschs in Nordbrasilien der 1980er Jahre ein Fünftel aller Angehörigen der Yanomami. Gegenwärtig wird durch illegale Landnahme das Corona-Virus in indigene Gemeinschaften mit schlechtem Zugang zu medizinischer Versorgung eingeschleppt.

 Land hat für viele Indigene nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine kulturelle und spirituelle Bedeutung. Im Falle von Vertreibung oder Zwangsumsiedlung wird das soziale Gefüge indigener Gruppen ebenso wie die Möglichkeit, eine traditionelle Lebensweise weiterzuführen, schwer beeinträchtigt.

Die Landnutzung wird in vielen indigenen Gemeinschaften so reguliert, dass Rohstoffe auf eine Weise entnommen werden, die eine Regeneration der Umwelt ermöglicht, auch wenn dies bedeutet, die Erträge nicht zu maximieren. Dieses auf Nachhaltigkeit angelegte Wirtschaften einiger indigener Gesellschaften, wie beispielsweise der im südlichen Amazonasgebiet lebenden Tenharim, deckt sich mit Klimazielen der internationalen Gemeinschaft wie zum Beispiel dem Übereinkommen von Paris der Vereinten Nationen. Zudem wird dem Erhalt der verbliebenen Regenwälder u.a. in der Amazonas-Region eine große Rolle im Kampf gegen den Klimawandel zugeschrieben.

Die meisten Nationalstaaten gewähren den indigenen Gesellschaften offiziell einen gewissen Grad an Schutz und räumen ihnen Minderheitenrechte ein, auch wenn dabei häufig die Assimilierung in die Mehrheitsgesellschaft angestrebt wird und mit dem Gestus der Überlegenheit Indigene als Schutzbefohlene adressiert werden. In der Regel reichen die Maßnahmen aber nicht aus, um die Landrechte der Indigenen zu schützen. Sie gehen fahrlässig mit den Bedrohungen durch die illegale Landnahme um oder nehmen sie gar billigend in Kauf. 

Am Beispiel Brasilien wird besonders deutlich, wie die Politik indigenes Land für wirtschaftlichen Profit ausbeutet. Hier wurden schon zu Zeiten der eher linken Regierungen von Lula da Silva und Dilma Rousseff der Regenwald massiv gerodet und seine indigenen BewohnerInnen unzureichend geschützt. Seit dem Amtsantritts Jair Bolsonaros 2019 regiert allerdings ein Präsident das Land, der nicht mal mehr vorgibt, die Menschenrechte der Amazonas-BewohnerInnen zu achten, sondern offen ausspricht, dass er ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen will. 2019 hat sich die Abholzung des Regenwaldes im Vergleich zu 2018 fast verdoppelt, in den ersten Monaten des Jahres 2020 hat sie sich um weitere 50% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesteigert.

Im Amazonasraum steht intakter Regenwald fast nur noch dort, wo ein indigenes Schutzgebiet ausgewiesen ist. Noch sind ein Achtel des Staatsgebietes Brasiliens Reservatsflächen. Geschützt werden die Gebiete eigentlich von der staatlichen Naturschutzbehörde Ibama und der Nationalen Behörde für die Angelegenheiten Indigener FUNAI. Doch ihre Budgets wurden zusammengestrichen und MandatsträgerInnen durch Militärs und VertreterInnen der Agrarlobby ausgetauscht. Abteilungsleiter für isolierte Völker in der FUNAI ist jetzt ein evangelikaler Missionar. Bolsonaro hat angekündigt, keine weiteren Schutzgebiete auszuweisen und dort Bergbau und weitere wirtschaftliche Großprojekte zu ermöglichen.

Wird in die ausgewiesenen indigenen Lebensgebiete eingedrungen, können nur die Indigenen selbst ihr Land und damit den Regenwald verteidigen – ungleich schlechter bewaffnet und in dem Wissen, dass eine organisierte Racheaktion der Großgrundbesitzer wahrscheinlich staatlich toleriert würde. Ende Mai 2020 bespricht der brasilianische Kongress das sogenannte Landraub-Gesetz, dass die illegale Abholzung und Besetzung von öffentlichen Land vor 2018 nachträglich legalisieren soll.

Die deutsche Agrarwirtschaft ist ein großer Abnehmer der Tierfuttermittel, die auf den ehemaligen Regenwaldflächen angebaut werden. Außerdem verkauft sie Saatgut, das auf dem gerodeten Gebiet eingesetzt wird. Deutsche Handelsketten und Steakhäuser bieten brasilianisches Rindfleisch von Großunternehmen an, die an der Abholzung des Regenwaldes nachweislich beteiligt sind.

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Moderierte Diskussion im Anschluss an die Vorführungen

 

Aktuelle Informationen auf

indigen.elements-ev.org     

www.facebook.com/indigenerfilm

 

Die Tage des indigenen Films sind eine Veranstaltung von

elements. Bildung und Kultur in der Einen Welt e.V. Rostock

 

in Kooperation mit dem

Lichtspieltheater Wundervoll li.wu. Rostock

 

Von | 2020-08-06T17:05:49+00:00 August 6th, 2020|Kategorien: Unkategorisiert|0 Kommentare

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